Gibt es das „Walserhaus“?
Hinsichtlich der Walser existiert die Klischeevorstellung «Walser – als ursprüngliche Alemannen – bauen nur Holzhäuser, Romanen – als Lateiner – dagegen Steinhäuser. Walser als Individualisten leben in Streusiedlungen, Romanen dagegen in geschlossenen Dörfern.»
Richtig ist, dass bei den Walsern Streusiedlungen und Holzbauten besonders häufig anzu-treffen sind. Die Einzelhofsiedlung ist typisch für die Walser, besonders für die frühen Siedler. In späteren Phasen sind aus Einzelhöfen oft „Nachbarschaften“ (Weiler) und ganze Dörfer entstanden. Daneben sind viele Einzelhöfe auch aufgegeben worden und die Walser in Dörfer gezogen. Einen exklusiv walserischen Haustyp gibt es nicht. Die Holzbauweise gilt zwar als typisch walserisch; in einigen Walsersiedlungen – z.B. südlich des Monte
Rosa – kommt aber auch das Steinhaus vor.
Als die Walser im 13./14. Jh. in ihrer neuen Heimat ankamen, waren die gut bebaubaren Flächen von den alteingesessenen Bewohnern, mehrheitlich Romanen, besetzt. So blieben ihnen meist nur die unwirtlichen Gebirgsgegenden, die oft über 1500 m ü.M., im Avers gar über 2000 m ü.M. lagen. Hier gab es nur wenig ebenen Boden, der sich für die Anlage eines Dorfes geeignet hätte. Da man in dieser Höhenlage zudem viel Umschwung benötigte, um das erforderliche Futter zu sammeln, waren die Walser, die ihre Existenz vor allem auf die Vieh-wirtschaft abstützten, oft gezwungen, sich mit ihren Hofsiedlungen weit verstreut voneinander niederzulassen. Wo die Topographie eine Streuung jedoch nicht zuliess, wie etwa in Rima, Campello Monti, Bosco Gurin oder im Rheinwald, entstanden geschlossene dörfliche Siedlungen.
Die Bedingungen der Umwelt prägten auch den Hausbau. Meist handelt es sich um Holzhäuser, es wäre aber falsch zu behaupten, Walser bauten nur Holzhäuser. Das «Walserhaus», das man überall antrifft, gibt es nicht, denn dieses hat sich je nach Siedlungsregion unterschiedlich herausgebildet. So muss man von einer Vielzahl walserischer Haustypen sprechen, für welche jene Baumaterialien verwendet wurden, die in der Umgebung in ausreichen-dem Masse vorhanden waren.
Während wir etwa in den Walser Siedlungen südlich des Monte Rosa das Einbau-Haus in vollendeter Gestalt antreffen, herrscht in Graubünden und Vorarlberg ein anderer Typus vor: Hier bilden Wohnhaus, Stall und Scheune getrennte Hofgebäude, wobei der hangabwärts gerichtete Wohntrakt, an den sich rückseitig ein gemauerter Küchenteil anschliesst, meist einen hölzernen Block mit Stube und Schlafkammern umfasst. Aneinandergekoppelte Fenster, wie sie im Wallis die Regel sind, kommen hingegen in Walsergegenden – ausser in Vals! – nirgends vor. Ein Kennzeichen der Walserkultur ist die private Einzelsennerei, die früher von der Walliser Urheimat bis in die östlichsten Niederlassungen Vorarlbergs anzutreffen war. Heute ist sie zugunsten des rentableren Genossenschaftsbetriebes beinahe verschwunden.