Wie die Walser reden

„Bündnerdeutsch“ – gibt es nicht. In Graubünden gibt es nicht nur 3 Sprachgruppen (deutsch, rätoromanisch, italienisch), es gibt auch markante Unterschiede innerhalb dieser Sprachen. So auch im Deutschen; dieses gliedert sich in drei Mundart-Gruppen:
1. Die hochalemannische Mundart des Bündner Rheintals (mit Chur), 2. das Walserdeutsche, respektive die höchstalemannischen Walsermundarten und 3. die tirolische Mundart im Samnaun. Die ersten zwei Gruppen unterscheiden sich markant (die dritte ist ein Spezialfall einer späten Germanisierung vom Tirol her): Fällt das „Churerdeutsche“ durch die harten k-Anlaute und das helle, klare
a auf (A rächta Khuurar sait allas mit a) sowie durch Dehnungen in offener Silbe (Khöönig ‚König’, graaba ‚graben’) auf, so ist dies
in den Walsermundarten grundlegend anders: k erscheint als rauher Reibelaut ch (Chünig ‚König’), a wird stark verdumpft, zum
Teil fast als o ausgesprochen (etwa in Safien und Avers), und Dehnungen in offener Silbe kennt nur die Mundart von Mutten
(vermutlich durch Domleschger Einfluss).  Sind die deutschsprachigen Gebiete im Bündner Rheintal verhältnismässig jung,
nämlich mit dem Sprachwechsel vom Rätoromanischen zum Deutschen entstanden, weisen die Walser Dialekte archaische
Züge auf; sie sind als altalemannische Mundarten mit den Siedlern aus dem Oberwallis nach Graubünden gekommen.

Neben sprachlichen Archaismen zeigt sich besonders im Wortschatz der Einfluss der Nachbarsprachen, des Rätoromanischen und Italienischen. Lehnwörter wie Schgarnuz ‚Tüte’ oder Maränd ‚Mahlzeit, Mittagessen’ sind in ganz Deutschbünden bekannt, auch die Bildung des Passivs mit ‚kommen’ ist bei den Walsern (är ischt gwäältä cho ‚er wurde gewählt’) wie im Churer Rheintal (i khuma
varuggt
‚ich werde wütend’) üblich. Die frühere Ausrichtung auf die oberitalienischen Märkte haben bei den Walsern viele Spuren im Wortschatz hinterlassen; propi ‚wirklich’, Schgatelä ‚Schachtel’, Schgaffä ‚Schrank’, Kaprizzi ‚Eigensinn’, Kunträäri ‚Gegenteil’
sind in der Mundart der Rheinwalder Walser gebräuchlich. Übereinstimmend mit dem Rätoromanischen ist etwa der differenzierte Gebrauch von Richtungsadverbien. Man beachtet den Lauf des Talflusses, wenn man von ‚hinein’ und ‚hinaus’ spricht (z.B. iichi in
ds Tall
‚nach Safien Thalkirch’, uss zur Nüwchilchä ‚nach Safien Neukirch, beides von Safien Platz aus gesehen).

Innerhalb der Bündner Walserdialekte lassen sich zwei Hauptgruppen unterscheiden: eine „Rheinwalder Gruppe“ und eine „Davoser Gruppe“. Das Rheinwald und die Landschaft Davos sind als „Stammkolonien“ für die angrenzenden Walsergebiete zu sehen, deren Mundarten ihnen ähnlich sind. Als Spezialfall gilt die Mundart von Obersaxen mit den Tochterkolonien Valendas und Versam: Diese Dialekte sind – besonders aufgrund der Entrundung ü>i, ö>e – dem heutigen Walliserdeutschen am ähnlichsten. Man nimmt
deshalb an, dass diese Gebiete direkt vom Wallis aus (über Furka und Oberalp) besiedelt wurden. Die Mundarten des Avers und
Mutten können ebenfalls keiner Hauptgruppe zugeordnet werden.